Als ich die ersten Bilder von „Tatort: Lass sie gehen“ gesehen habe, blieb mir vor allem eines im Gedächtnis: Diese Mischung aus Weite, Ruhe und einer unterschwelligen Spannung, die man nur selten in Großstadt-Krimis findet. Man sieht Landschaften, die zunächst fast idyllisch wirken, und trotzdem liegt über jeder Szene dieses Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Genau diese Wirkung kommt nicht von ungefähr. Die Drehorte wurden sehr bewusst gewählt und tragen einen großen Teil der Atmosphäre der Folge. Der Film führt die Stuttgarter Ermittler Thorsten Lannert und Sebastian Bootz aus der vertrauten Stadtwelt hinaus auf die Schwäbische Alb – in ein Dorf, das im Film Waldingen heißt, aber tatsächlich an einem ganz anderen Ort zu finden ist.
Beim Schreiben über Film- und Serienkulissen achte ich immer darauf, nicht nur die Namen der Orte aufzuzählen. Ein Drehort ist schließlich mehr als eine Adresse auf einer Produktionsliste. Er erzählt etwas darüber, warum eine Szene so wirkt, wie sie wirkt. Bei „Lass sie gehen“ merkt man besonders deutlich, wie stark die Umgebung mit der Geschichte verbunden ist. Das fiktive Dorfleben, die engen Beziehungen zwischen den Figuren und der Gegensatz zwischen Heimat und Neuanfang in Stuttgart funktionieren auch deshalb, weil die Produktion Orte gefunden hat, die glaubwürdig aussehen und nicht wie eine künstliche Filmkulisse. Gedreht wurde die Folge hauptsächlich in Baden-Württemberg, unter anderem auf der Schwäbischen Alb und in Stuttgart.
Die Schwäbische Alb als Mittelpunkt der Geschichte
Der wichtigste Schauplatz von „Lass sie gehen“ ist das Dorf Waldingen. Wer den Film gesehen hat, erkennt schnell die besondere Stimmung: schmale Straßen, ältere Gebäude, viel Natur und diese typische Landschaft der Alb, die gleichzeitig offen und abgeschieden wirken kann. Für diesen Ort musste die Produktion keinen künstlichen Dorfplatz bauen. Stattdessen wurde ein realer Ort genutzt: Bichishausen auf der Schwäbischen Alb, ein kleiner Ortsteil der Stadt Münsingen im Landkreis Reutlingen.
Bichishausen passt erstaunlich gut zu der Rolle, die der Ort im Film übernimmt. Die Landschaft rund um das Lautertal bietet genau jene Bilder, die man mit einer ländlichen Heimat verbindet: Hügel, Felsen, Wälder und eine gewisse Ruhe, die im Krimi fast schon bedrückend wirken kann. Gerade bei einer Geschichte, in der alte Konflikte, Familienbindungen und Erwartungen aus der Vergangenheit eine wichtige Rolle spielen, funktioniert diese Umgebung sehr gut.
Ich finde bei solchen Produktionen immer interessant, dass ein Ort durch die Kamera eine zweite Identität bekommt. Für die Bewohner von Bichishausen ist es natürlich ihr eigener Heimatort, mit ganz normalen Alltagssituationen. Im Film wird daraus jedoch Waldingen – ein Dorf, in dem jeder jeden kennt und in dem ein Ereignis die gesamte Gemeinschaft verändert. Diese Veränderung der Wahrnehmung gehört für mich zu den spannendsten Aspekten von Filmdrehorten.
Stuttgart: Die andere Seite von „Lass sie gehen“
Neben der ländlichen Welt spielt Stuttgart eine wichtige Rolle. Die Geschichte stellt zwei Lebensräume gegenüber: das Dorf, aus dem Hanna Riedle stammt, und die Stadt, in der sie sich ein neues Leben aufbauen möchte. Diese Gegenüberstellung wäre ohne passende Stadtbilder nicht glaubwürdig. Die Produktion nutzte deshalb mehrere markante Orte in Stuttgart.
Besonders auffällig ist die Stadtbibliothek am Mailänder Platz im Europaviertel. Das moderne Gebäude mit seiner klaren Architektur bildet einen starken Kontrast zu den Bildern der Schwäbischen Alb. Die Bibliothek wurde als Drehort genutzt und zeigt eine völlig andere Welt: offen, modern und anonym. Genau dieser Gegensatz unterstützt die Geschichte einer jungen Frau, die ihre Herkunft hinter sich lassen möchte.
| Drehort | Verwendung im Film | Besonderheit |
|---|---|---|
| Bichishausen (Münsingen) | Fiktives Dorf Waldingen | Landschaft und Dorfgemeinschaft der Schwäbischen Alb prägen die Atmosphäre |
| Stuttgart, Stadtbibliothek am Mailänder Platz | Städtische Schauplätze | Moderne Architektur als Kontrast zur ländlichen Heimat |
| Obertsrot bei Gernsbach | Sportplatz des Filmortes Waldingen | Weiterer Drehort in der Region Baden-Württemberg |
| Baden-Baden | Produktionsstandort und Studioaufnahmen | Hier entstanden unter anderem Innenaufnahmen des Kommissariats |
Auch andere Stuttgarter Motive wurden eingesetzt, darunter Bereiche im Europaviertel und weitere Stadtbereiche. Die Kamera nutzt dabei nicht nur bekannte Ansichten, sondern eher Orte, die zur Handlung passen. Das ist typisch für viele gute Krimiproduktionen: Nicht der Wiedererkennungswert für Touristen steht im Vordergrund, sondern die Funktion innerhalb der Geschichte.
Weitere Drehorte rund um Baden-Württemberg
Die Dreharbeiten fanden nicht ausschließlich an den zentralen Schauplätzen statt. Neben der Schwäbischen Alb und Stuttgart wurde auch in der Region rund um Baden-Baden gearbeitet. Dort befindet sich der Produktionsstandort des SWR, und ein Teil der Innenaufnahmen entstand in Studios. Die Dreharbeiten liefen vom 28. Februar bis zum 31. März 2023.
Ein weiterer erwähnter Drehort ist der Sportplatz im Gernsbacher Stadtteil Obertsrot, der im Film als Sportplatz von Waldingen erscheint. Solche Orte fallen dem Publikum oft weniger auf, sind für die Produktion aber entscheidend. Ein Krimi besteht nicht nur aus den großen Bildern einer Landschaft oder einer bekannten Sehenswürdigkeit. Häufig sind es gerade die kleinen, glaubwürdigen Schauplätze, die dafür sorgen, dass eine erfundene Welt funktioniert.
Auch Karlsruhe wurde für einzelne Szenen beziehungsweise als Ersatzkulisse für Stuttgart genutzt. Bei Fernsehproduktionen aus Baden-Württemberg kommt es häufiger vor, dass verschiedene Städte und Gemeinden filmisch miteinander verbunden werden. Für Zuschauer wirkt am Ende alles wie ein zusammenhängender Ort, obwohl die einzelnen Szenen an unterschiedlichen Plätzen entstanden sind.
Warum die Drehorte so gut zur Folge passen
Bei „Tatort: Lass sie gehen“ sind die Drehorte nicht nur Hintergrund. Sie erzählen einen Teil der Geschichte mit. Das Dorf steht für Herkunft, Erwartungen und alte Beziehungen. Stuttgart steht für Veränderung, Freiheit und den Versuch, eine eigene Identität aufzubauen. Dieser Gegensatz wird durch die Bilder verstärkt.
Gerade die Szenen auf der Schwäbischen Alb profitieren von der ruhigen Bildsprache. Die Landschaft wirkt nicht spektakulär im klassischen Sinne, aber sie bleibt im Gedächtnis. Viele Zuschauer kennen solche Orte: kleine Gemeinden, in denen Familiengeschichten über Generationen weitergetragen werden und in denen ein einzelnes Ereignis schnell die gesamte Gemeinschaft beschäftigt. Diese Nähe zur Realität macht den Film glaubwürdig.
Auch die Entscheidung, ein echtes Dorf statt einer reinen Studiokulisse zu verwenden, verändert die Wirkung. Häuser, Straßen und Landschaft haben Gebrauchsspuren. Sie sehen nicht perfekt aus, sondern gelebt. Genau solche Details helfen einem Krimi, eine eigene Atmosphäre aufzubauen.
Ein Blick hinter die Produktion von „Lass sie gehen“
Hinter der Folge steht der Südwestrundfunk, Regie führte Andreas Kleinert nach einem Drehbuch von Norbert Baumgarten. Für die Bildgestaltung war Michael Merkel verantwortlich. Diese Informationen wirken auf den ersten Blick wie reine Produktionsdaten, aber sie erklären auch, warum der Film visuell seinen eigenen Charakter hat.
Die Folge gehört zu den Fällen der Stuttgarter Ermittler Thorsten Lannert und Sebastian Bootz und setzt bewusst auf den Gegensatz zwischen persönlicher Nähe und kriminalistischer Untersuchung. Die Wahl der Drehorte unterstützt genau diesen Ansatz: Die Ermittler kommen von außen in eine Umgebung, in der viele Figuren miteinander verbunden sind und in der die Vergangenheit eine große Rolle spielt.
Wenn man sich nach der Ausstrahlung Fotos der Originalorte anschaut, fällt auf, wie stark Film und Realität auseinandergehen können. Ein Weg, ein Gebäude oder ein Sportplatz kann im Alltag völlig unscheinbar sein und durch Licht, Kamera und Geschichte plötzlich eine andere Bedeutung bekommen. Genau deshalb interessieren mich Drehorte so sehr: Sie zeigen, wie aus normalen Orten erzählerische Räume werden.
Was von den Drehorten bleibt
Bei vielen Krimifolgen erinnert man sich vor allem an den Fall oder die Ermittler. Bei „Lass sie gehen“ bleiben aber auch die Orte im Kopf. Die Schwäbische Alb mit ihrer ruhigen Landschaft, die moderne Architektur Stuttgarts und die kleinen Details der verschiedenen Drehplätze bilden gemeinsam eine Art visuelles Gedächtnis der Folge.
Wer die Schauplätze einmal selbst besuchen möchte, sollte nicht erwarten, eine komplette Filmwelt vorzufinden. Bichishausen bleibt natürlich ein normaler Ort, und die Stadtbibliothek in Stuttgart ist weiterhin das, was sie im Alltag ist. Gerade darin liegt aber der Reiz. Gute Drehorte müssen keine Attraktionen sein. Sie funktionieren, weil sie echt sind.
Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis, die solche Produktionen hinterlassen: Ein Ort muss nicht berühmt sein, um eine Geschichte tragen zu können. Manchmal reicht eine Landschaft, eine Straße oder ein Gebäude, wenn die Kamera den richtigen Blick darauf findet. „Tatort: Lass sie gehen“ zeigt sehr deutlich, dass die Umgebung nicht nur Kulisse ist – sie ist ein stiller Teil der Handlung.
Illustrationen und Bilder: Magnific (https://www.magnific.com)
Eine gute Serie darf ruhig mehrere Abende kosten, solange Charaktere und Handlung überzeugen. Kleine Details, versteckte Hinweise und unterschätzte Nebenfiguren bekommen dabei mindestens genauso viel Aufmerksamkeit wie das große Finale.
